Aufruf des Vorsitzenden des KER-C zum Lehrerstreik

AUFRUF !

Lieber eine Lehrer- als eine Abwrackprämie!

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Eltern und Schüler,

im Normalfall sind Tariffragen kein Kernthema von Eltern- und Schülervertretungen. In der Vergangenheit hat der Kreiselternrat Chemnitz dies stets ähnlich gesehen und den Tarifkampf der Lehrer eher dahingehend beobachtet, dass er möglichst schnell und nicht zu teuer für das Land vorbeigeht: Schnell, damit unsere Kinder möglichst wenig aus dem Lernprozess heraus gerissen werden. Nicht zu teuer, weil wir fürchteten, dass dies angesichts des existierenden Lehrerüberhangs bei zwischenzeitlichem Geburtenloch einen Anreiz für weiteren Lehrerabbau darstellen könnte.

Heute müssen wir jedoch feststellen, dass sich die Rahmenbedingungen grundlegend geändert haben!

Der Lehrerüberhang ist zwar in einigen Bereichen noch immer etwas spürbar, aber gleichzeitig auch die Vorboten des genauen Gegenteils: eines Lehrermangels!

Zur Wende waren die Lehrer im Alter von ca. 25 bis 65. Diese Lehrerer, sofern sie jetzt noch arbeiten, sind heute - zwanzig Jahre später - zwischen 45 und 85. Der Anteil von hauptberuflichen Lehrern unter 45 Jahre beträgt - je nach Schulart etwas unterschiedlich - zwischen 13,2 % und 16,6%. Im Umkehrschluß bedeutet dies, dass der Anteil von Lehrern über 45 bei ca. 84% liegt.

Davon ausgehend, dass die wenigsten Lehrer über 60 (0,2%!) noch unterrichten, muss innerhalb der nächsten 15 Jahre dieser komplette Lehreranteil ERSETZT werden - im Schnitt pro Jahr ca. 5,6% Jahr!

Bei jahrelang viel zu geringen Einstellungskorridoren (ca. zwischen 1 und 3%) und einer Reduzierung der Lehrerausbildungsresourcen im wesentlichen auf den Standort Leipzig sind die Aussichten, den Generationswechsel erfolgreich durchführen zu können, ohne enorme Kraftakte kaum noch als realistisch anzusehen.

Der Kampf um viel zu wenig Lehrer wird deutschlandweit in Konkurrenz der Bundesländer ausgetragen!

Lehrermangel gibt es jedoch nicht nur in Sachsen sondern mittlerweile in ganz Deutschland. In diesem Konkurrenzkampf um viel zu wenige Lehrer muss sich Sachsen in den nächsten Jahren trotz zu geringer Ausbildungsresourcen behaupten. Da in den alten Bundesländern Lehrer oftmals neben der Möglichkeit einer Verbeamtung auch deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten haben, kommt der finanziellen Besserstellung unserer Lehrer in Sachsen eine ganz neue Rolle zu! Sie muss so erfolgen, dass sich die Abwanderungsanreize nicht noch zusätzlich negativ auf die u.E. verheerende Personalpolitik des Freistaates bei Lehrkräften (insbesondere der letzten 5 Jahre - seit der Schulgesetznovellierung!) auswirken!

Der Freistaat hat u.E. diese Fehlentwicklung längst auch erkannt, aber bisher nur halbherzig etwas dafür getan, dass Voraussetzung für einen reibungslosen Generationswechsel geschaffen werden. Statt dessen hat er die Schulhausbauförderrichtlinie geändert, um über - durchaus als Erpressung der Kommunen empfindbare - Fördermittelverweigerungen massive Schulnetzstraffungen und deutliche Anhebungen der Klassenstärken zu erzwingen und somit die Zahl notwendiger neuer Lehrer deutlich zu reduzieren.

Die Chemnitzer Eltern haben mit Bürgerbegehren (Verhinderung von Schließungen!) und Volksbegehren (Senkung der Klassenstärken!) dafür gesorgt, dass wir in Chemnitz u.a. eines der stabilsten Grundschulnetze in Sachsen erhalten konnten. Der Stadtrat stand - zumindest im Bereich der Grundschulen - immer mehrheitlich hinter uns. “Kurze Wege für kurze Beine” ist eine Losung, die sowohl der KER-C über Jahre auf seiner Flagge stehen hat, als auch der Chemnitzer Stadtrat.

Nun haben wir eine Schulnetzplanung im Grundschulbereich vor uns, die die Weichen für eine Abkehr von diesem Konsens stellen kann. Das mögliche Einknicken vor der Fördermittelverweigerung des Freistaates wegen des zu erwartenden Lehrermangels sollte uns allen einen neuen Blick auf die Lohnforderungen der Lehrer ermöglichen.

Als Vorsitzender des Kreiselternrates möchte ich alle Eltern und Schüler aufrufen, sich solidarisch mit den Lehrern zu erklären. Gleichzeitig möchte ich dringend an die Lehrergewerkschaft appelieren, dass neben den Lohn- und Gehaltsforderungen auch die Thematik der deutlichen Erhöhung des Einstellungskorridors sowie der Aufstockung der Lehrerausbildungskapazitäten in die Verhandlungen eingefügt werden.

Unsere Kinder sind die Zukunft unseres Landes, nicht abgewrackte Autos!

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