PISA - wie sich Sichtweisen wandeln!

Als die ersten PISA-Studien herauskamen, stand Deutschland unter Schock. Die Bundesrepublik - das Land der großen Denker und Dichter - ganz weit hinten im Mittelfeld! Wie konnte das geschehen?

Schnell schien die Erklärung gefunden: Die Bewertungskriterien seien falsch, nicht repräsentativ und bzw. oder würden keinen echten Vergleich zulassen.

Am 02. Mai 2005 philosophierte Oberstudiendirektor Josef Kraus vor zahlreichen Zuschauern auf einer Veranstaltung des Johann-Amos-Comenius-Clubs unter der Überschrift “Schule im Würgegriff der PISA-Kampagne?”. Er stellte hier - durchaus streckenweise auf sehr amüsante Art und Weise - sieben Widersprüche, Zweifel und Diagnosen zu PISA auf.

Zunächst zweifelte er die “Repräsentativität” an um dann in Punkt 2 die “Legendenbildung um die Gesamtschule” darzustellen. Einmal bei Legenden angekommen, dozierte er unter Punkt 3 über “Legenden um die Skandinavier”, unter Punkt 4 über “Die Legende von der angeblichen Disparität des gegliederten Schulwesens”, unter Punkt 5 über “Legenden um Ganztagsschule” und unter Punkt 6 über “Legenden um Privatschulen”. Unter Punkt 7 schliesslich setzte sich der Referent mit Diagnosen und Psychodiagnosen auseinander.

Nun, gute 3 Jahre danach, hört man solche kritischen Töne zur PISA-Studie kaum noch in Sachsen. Kein Wunder - man ist ja neuerdings auch “Erster”! Heute geht die “Verklärung” der Studie beinahe schon in das andere Extrem.

Man fühlt sich in allem bestätigt, was man in den Jahren seit der Wende veranlasst hatte.

Kein Wort mehr von fehlender Repräsentativität oder unterschiedlichen Voraussetzungen, wie z.B. völlig unterschiedliche Anteile von Migrantenkindern oder dass Sachsen einen einen anderthalbmal so hohen Stand an Förderschülern (Sachsen ca 6% … deutschlandweit ca 4%) aufweisst und hiervon viele Lernschwächen haben. Kaum ein Wort auch darüber, dass Sachsen aufgrund der von Eltern mit dem Kompromiß zum Volksbegehren “Zukunft braucht Schule” schwer erkämpften Klassenkennziffern im Schulgesetz über Deutschlands kleinste Klassen und noch über ausreichend gut geschulte Lehrer verfügt, hiermit folglich klare Standortvorteile besitzt.
Ja, Sichtweisen zu Dingen wandeln sich mitunter, je nachdem ob man davon profitieren kann, oder sie ein schlechtes Bild von einem zeichnen.

Eines ist jedoch geblieben: die ideologisch geprägte Auslegung der Resultate. Während Bayerns CSU nach wie vor das 3-gliedrige System vergöttert, hebt die CDU Sachsens unser 2-gliedriges System in den Olymp. Weiter links angeordnete Parteien dagegen zelebrieren weiterhin den unvermeidbaren Weg zur Gesamtschule. Jeder fühlt sich durch PISA bestätigt. Das ist schon kurios.

Sachsen hat einiges getan, um Dinge in der Bildung zu verbessern: die Einführung von Ganztagsangeboten in Schulen, Erziehungs- und Bildungsauftrag sowie vorschulische Angebote in den KiTas, Initiativen zur Berufsvorbereitung und noch einiges mehr - vieles davon auf Drängen der Elternräte. Gleichzeitig profitiert es - neben durchaus richtigen Weichenstellungen der letzten Jahre - noch immer von seinen hervorragend ausgebildeten Lehrern. Doch das alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Einsparbegehrlichkeiten im Bildungsbereich dies immer wieder gefährden und der Bildungsweg nach oben zunehmend versperrt wird. Angesichts der Personalpolitik bei den Lehrern und dem seit diesem Jahr eingeschlagenen Weg in der Fördermittelpolitik im Schulhausbau - und damit letztlich auch der Infragestellung der kleinen Klassen - bleibt aber zu befürchten, dass Sachsen bald nicht mehr ganz oben auf dem Treppchen stehen könnte. Ob dann wohl PISA wieder “verteufelt” wird? Auszuschließen ist dies nicht, oder?

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